Sunday, April 26, 2009

Ode an IKEA oder 'Kaufen Idioten wirklich alles oder wollen sie bloss ein neues Leben?'

Wer kennt das nicht? Man zieht nach vielen Jahren endlich um, kann sich in der neuen Wohnung oder im neuen Haus neu einrichten und hofft, etwas mehr Schwung in die Hütte zu bringen mit dem Kauf von neuen Möbeln. Naja, auch diejenigen, die noch nie umgezogen sind, werden irgendwann mal die Nase voll haben von den purpuren Teppichen oder den weissen Möbeln der 90er, die ich kurioserweise immer mit einer Zahnarztpraxis in Verbindung bringe.

Als treues Mitglied der Mittelklasse darf ich es mir erlauben, Ikea als meinen Hauptlieferanten zu nennen. Andere, wie dieser Spot es zeigt, bringen es noch nicht übers Herz, offen darüber zu sprechen.





Als ich klein war, fand ich es immer so spannend, durch die riesigen Ausstellungshallen von Ikea herumzulaufen und meiner Fantasie über mein zukünftiges Zimmer freien Lauf zu geben (eigentlich übernimmt bereits Ikea diese Aufgabe indem alle Zimmer so schön und familiär dekoriert sind mit zusammengeklebten Büchern, Computer-Attrappen, Schwarzweiss-Fotografien von Bauarbeitern auf Stahlträgern in Manhattan, usw.). Okay, ich gebe zu, ich mache es immer noch gern. Trotzdem hatte ich damals das Gefühl, ich stünde vor einem Neuanfang. Ich könnte mich zuhause in einem neuen Licht zeigen, etwas Abwechslung in mein Leben bringen, von nun an mein Zimmer richtig aufräumen, weil ich die passenden Möbel dazu hätte. Unter dem TRÖMSO-Hochbett passte nun mein MIKAEL-Schreibtisch mit dem SNILLE-Drehstuhl, meine Bücher und Fotos bewahrte ich auf dem BILLY-Wandregal und die Kleider wurden im einzigen Aussenseiter, irgendeinem Schrank aus Conforama, verstaut. Ich hätte es tatsächlich fast geschafft, ein „neues“ Leben zu starten (wenn doch dieser Conforama Schrank nicht wäre…).

Es hat nichts bewirkt. Mein Zimmer sah immer noch nicht aus wie die tollen Räume in den Katalogen. Die Ordnung fiel aus und ich gab die Schuld meinem kleinen Zimmer, in welches keine Möbel mehr zum Verstauen passten. Nach vielen Jahren der Ordnung im Schlafzimmer vermutete ich, es liege vielleicht doch an meiner aufräumerischen Inkompetenz. Lustigerweise werde ich wohl nicht der einzige sein, was das betrifft. Das „neue“ Leben fiel aus, das Zimmer war praktisch noch dasselbe.

Dessen ungeachtet sehnen wir uns immer und immer wieder nach diesem Ideal der perfekten Ordnung im Haus, wie wir sie in jeder Möbelausstellung erleben oder auf den Katalogen sehen (Näheres zum Ikea-Nest-Symptom im Film „Fight Club“). Jedes Möbelstück ist perfekt auf das andere abgestimmt, die Farben stimmen überein, der Teppich mit dem wilden Muster verleiht dem Zimmer mehr Ausdruck, der Multifoto-Aufhänger an der Wand gibt genug Platz für die Ferienfotos mit der Familie und dem Hund, der Boden ist freigelegt und begehbar(!!!). Erreichen tun wir das im besten Fall, wenn man eine Putz- und Ordnungssucht hat. Oder bloss der Mangel an persönlichem Ausdruck. Einmal besuchte ich jemanden, dessen Mutter es für nötig hielt, jegliche persönlichen Züge aus einem Wohnraum zu entfernen. Damit meine ich einen Ort, wo jedes Möbelstück auf den Millimeter genau positioniert war, die Farben (besser gesagt: alles weiss) aufeinander abgestimmt waren und an der Wand tatsächlich überdimensionale Schwarzweiss-Fotos hingen mit den Motiven eines leeren Strandes, einer weissen Blume (war sie tatsächlich weiss?) und (wer hätte es gedacht?) Manhattan. Mir fällt nur eins dazu: unheimlich. Mich beängstigte die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Ausstellung sondern um eine „persönliche“ Wohnung handelte. Die Frau tat mir in gewisser Weise leid, weil nichts ausser diesem Ausstellungsmuster etwas von ihrer Persönlichkeit aussagte. Dabei sprechen doch so viele Dinge für die Persönlichkeit eines Menschen: Kleidungsstil, Musikgeschmack, beliebte Reiseziele, Familie und Freunde, etc, Dinge die man in Form von Fotos, CD-Sammlungen oder Schuhen im Eingang findet. Diese Frau schien mir ihre Persönlichkeit verbergen zu wollen. Oder vielleicht wollte sie die Menschen dazu anregen, ihren Charakter in einem Gespräch mit ihr selbst herauszufinden. Ich glaube jedoch kaum, dass die Leute bei der Wohnungseinrichtung so weit denken.

Es kann aber auch sein, dass ich mir zu viel Gedanken über Möbel mache. Einige Recherchen mehr zum Thema Möbel und ich entwickle mich zum Möbelverschwörungstheoretiker. Wahrscheinlich deswegen, weil ich gerade umgezogen bin und neue Möbel gekauft habe. Da ist alles noch stark präsent, weil ich mich noch nicht ganz eingelebt habe in die neue Umgebung.

Dennoch hat sich eins bestätigt: Die Unordnung lag doch am geringen Platzangebot (Juhuu, ich habe ein grösseres Zimmer!). Freilich hat damit kein neues Leben begonnen, aber das neue Zimmer passt endlich zu mir.

Wer Lust hat, sein Zimmer neu zu gestalten oder die alten Sims-Zeiten wieder zu beleben, sollte diese neue Ikea-Funktion nicht versäumen. Was die Unheimlichkeit von absoluter Ordnung angeht, haben die Möbelhersteller bereits reagiert und versuchen einen kleinen Touch an menschlichem Chaos in die Kataloge zu bringen (man beachte die herumliegenden Schuhe oder Taschen).

1 comment:

  1. 5 stilistische Verbesserungsvorschläge:
    - Informationen konzentrieren
    - stärker Stellung nehmen; unheimlich ist z.B. sehr unspezifisch
    - sich auf wichtige Aspekte stärker konzentrieren, um dem Text eine stärkere innere Logik zu geben
    - Emotionen stärker hervorheben
    - Vergleiche überdenken

    Der Abschnitt über die sterile Wohnung könnte sehr viel kürzer gefasst werden.

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